Studieninhalte

Die Musikwissenschaft beschäftigt sich mit der Musikgeschichte, der Systematischen Musikwissenschaft und der Musikethnologie (musikalische Volks- und Völkerkunde). In diesem Zusammenhang sind die Grundlagen, Erscheinungsformen und Wirkungsweisen der Musik ihr Gegenstand. Das Studium der Musikwissenschaft soll den Studierenden unter anderem das methodische und wissensmäßige Fundament vermitteln, das befähigt, sich selbständig und kritisch die notwendige wissenschaftliche Qualifikation zu erwerben. Hierzu gehören die Kenntnis der physikalischen und physiologischen Grundlagen der Musik, die Kenntnis ihrer psychischen Wirkungen sowie ihrer Erscheinungsweisen in den verschiedenen Formen menschlicher Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart und auch in verschiedenen Kulturen. Die Studierenden sollen sich einen Überblick über die Entwicklung der Tonsysteme, der Musikinstrumente und ihrer Anwendung sowie der musikalischen Kompositionselemente, Formen, Gattungen und Stile von der Antike bis zur Gegenwart und den Zusammenhang der Musik mit der allgemeinen Kunst- und Kulturgeschichte verschaffen. Es leuchtet ein, dass diese Teilgebiete während des Studiums in der Regel nur punktuell und exemplarisch behandelt werden können. Doch kann dadurch zumindest ein Anstoß zu eigener Weiterarbeit und gegebenenfalls auch für eine entsprechende Schwerpunktsetzung gegeben werden.

Die Musikgeschichte hat die Entwicklung der Musik seit der Antike zum Gegenstand. Doch liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der abendländischen Kunstmusik seit etwa 800 n. Chr. Die einzelnen Epochen werden bis zu bestimmten Marksteinen, die in der Regel einen Wandel der Stile kennzeichnen, verfolgt. Studien zu Leben und Werk führender Musikerpersönlichkeiten gehören ebenso in dieses Gebiet wie eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung einzelner Gattungen. In diesem Zusammenhang sind auch Studien in Bereichen wie Notationskunde, Quellenkunde, Aufführungspraxis oder musikalischer Sozialgeschichte unabdingbar.

Die Systematische Musikwissenschaft befasst sich unter anderem mit der Geschichte der Musiktheorie, der Entwicklung der Musikinstrumente (Instrumentenkunde), der Frage nach der Hörweise und Rezeption von Musik (Physiologie, Musikpsychologie), Problemen der (musikalischen und physikalischen) Akustik (Grundlagenforschung), aber auch mit Musiksoziologie und dem breiten Gebiet der Musikästhetik, in das z.B. die Beschäftigung mit dem musikalischen Kunstwerk fallt.

Die Musikethnologie (oder "Ethnomusikologie") hat einerseits Untersuchungen zur europäischen Volksmusik, andererseits Forschungen zur Musik außereuropäischer Völker, soweit diese nicht einer Hochkultur zuzurechnen sind ("Naturvölker"), zum Gegenstand. Heute werden durch den Begriff "Ethnomusikologie" schon weitgehend beide Gebiete abgedeckt. Wer sich der Musikethnologie zuwendet, muss sich darauf einrichten, möglichst eigene Forschungsreisen zu unternehmen, um auf diese Weise Materialien zu sammeln, die dann in einer wissenschaftlichen Arbeit ausgewertet werden können. Ein Studium mit Schwerpunkt Musikethnologie ist aber, wie schon oben erwähnt, nur an ganz wenigen Universitäten in Deutschland möglich und sinnvoll (im Gegensatz etwa zu den USA). Die historische Musikwissenschaft aber bleibt im Grunde Kern des Faches, um den sich alle anderen Teilgebiete gruppieren.

Der Musikgeschichte wurde und wird noch immer die Priorität in der Ausbildung, aber auch in der Forschung, eingeräumt. Dies hat seinen Grund nicht etwa in einer Missachtung der systematischen Grundlagenforschung oder der Ethnomusikologie, sondern im Mangel der für diese Teilgebiete speziell ausgebildeten Wissenschaftler. Nur an einigen deutschen Universitäten gibt es einen Lehrstuhl für Systematische Musikwissenschaft (u.a. Humboldt Berlin, Hamburg und Köln) oder Musikethnologie (Bamberg, FU Berlin, Göttingen, Hamburg, Köln und demnächst auch München). Hier besteht, etwa im Vergleich mit der amerikanischen Musikwissenschaft, ein ungeheures Defizit. Und doch werden in der heutigen Forschung immer häufiger alle drei Richtungen miteinander verbunden. Häufig sind zur Erklärung musikhistorischer Sachverhalte musiksoziologische oder musikpsychologische Aspekte ebenso wichtig wie die geschichtlichen Fakten, und zu welch einseitigen Ergebnissen würde die Instrumentenkunde kommen, wenn sie neben den historischen Fakten nicht auch die Musikethnologie und die Systematische Musikwissenschaft in ihre Forschungen einbeziehen würde?

  Historische Musikwissenschaft Systematische Musikwissenschaft Musikethnologie
Ziel "Verstehen" musikalischer Werke und ihres musikgeschichtlichen Zusammenhangs Erkennen von Gesetzmäßigkeiten des musikalischen Erlebens und Verhaltens Verstehen der Musik n ihrem soziologischen und anthropologischen Zusammenhang
Arbeitsbereiche Bezug zu Musikstücken
  • Notation
  • Kompositionstechnik
  • Gattungen und Stile
  • Rezeption
  • Musikalische Akustik
  • Physiologie der Musikerzeugung und -wahrnehmung
  • Musikpsychologie
  • Musikästhetik
  • Musiktheorie
  • Musiksoziologie
Umfasst alle Musik außer der abendländischen Kunstmusik, z.B. europäische Volksmusik, japanische Hofmusik
  Bezug zur Musikausübung
  • Instrumentenkunde
  • Aufführungspraxis
  • Geschichte der musikalischen Interpretation
   
  Bezug zu Personen/Gesellschaft
  • Biographie
  • Sozialgeschichte
  • Musikleben
   
  Sprechen und Denken über Musik
  • Terminologie
  • Musiktheorie
  • Musikanschauung
  • Musik und andere Künste
   

nach: Schwindt-Gross, Nicole: Musikwissenschaftliches Arbeiten.
Hilfsmittel - Techniken - Aufgaben. Kassel 1992 (=Bärenreiter Studienbücher Musik 1)