2011 ist am Musikwissenschaftlichen Institut in Mainz ein neuer Themenschwerpunkt eingerichtet worden, der sich dem Phänomen der Musik im Schauspiel als substantiellem, wenngleich bislang nur in Ansätzen aufgearbeiteten Teilbereich von Theatermusik im Allgemeinen widmet.

Erst- und einmalig unter den Musikwissenschaftlichen Instituten in Deutschland konnte in Mainz eine langfristige institutionelle Verankerung dieses Forschungsprojektes realisiert werden. Gegenüber zeitlich terminierten Drittmittelprojekten ergeben sich aus dieser dauerhaften Einbindung in den gesamtuniversitären Kontext zum ersten Mal langfristige sowie übergreifende thematische Perspektiven. Da nach wie vor ein erheblicher Bedarf an Grundlagenforschung besteht, werden so zunächst dringend benötigte basale Lokal- und Individualstudien zu einzelnen Theatern bzw. Residenzen und Städten sowie zum Schaffen ausgewählter Komponisten ermöglicht, ohne die eine umfängliche Geschichte der Schauspielmusik vom 16. bis ins 21. Jahrhundert nicht geschrieben werden kann. Des Weiteren wird in Teilschritten der in den Blick zu nehmende Zeitraum musikalischer Ausgestaltung theatralischer Ereignisse ausgeweitet.

Ausgehend vom bislang fokussierten „klassisch-romantischen Zeitalter“ (Detlef Altenburg), das sich im Wesentlichen mit der Spanne vom ausgehenden 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigte, wird einerseits der Blick zurück bis ins 16. Jahrhundert gerichtet, während der zu untersuchende Zeitraum auf der anderen Seite über die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus vor allem auf das 20. Jahrhundert ausgedehnt wird, das eine bis dato nicht gekannte Vielfalt theatraler Genres und Richtungen aufweist, für die Musik bisweilen eine ganz neue, fundamentale Rolle spielt.

Stellten die musikalisch-szenischen Großprojekte eines Max Reinhardt womöglich die letzte Phase einer Schauspielmusik im Sinne eines aus dem romantischen Zeitalter herüberreichenden Verständnisses von Schauspiel als „Gesamtkunstwerk“ dar, so markieren Brecht und seine musikalischen Weggefährten im Theater eindeutig den Beginn eines neuen Zeitalters von Musik im Schauspiel – eines Zeitalters, das zumal in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in gänzliche neue, wohl auch für Brecht nicht mehr vorstellbare Bereiche vorstieß. Jenseits eines Dramas der Worte erhielt hier die Musik eine ganz neue und eigenständige Bedeutung; nicht „Erfüllungsgehilfe“, sondern Hauptrolle, Stellvertretung für einen verlorengegangenen Protagonisten überholten Dramenverständnisses.

Nicht zuletzt aufgrund der deutlich verbesserten Quellensituation für die jüngere und jüngste Theatergeschichte (Video- sowie DVD-Dokumentationen) stellt sich diese Epoche als besonders ergiebig für die Frage nach der Relevanz von Musik im Zusammenhang mit Theateraufführungen dar.

Verortet als Kulturwissenschaft mit gleichermaßen historischer Dimension wie aktueller Bedeutung stehen der Mainzer Musikwissenschaft und dem Schwerpunkt der Schauspielmusikforschung an der Johannes Gutenberg-Universität eine Fülle von Nachbardisziplinen an der Seite, die in engem Dialog und Miteinander in die verschiedenen Teilprojekte einbezogen werden sollen. Dazu gehören neben sämtlichen Philologien insbesondere auch die Theater- sowie die Film- und Medienwissenschaft und schließlich – als Brücke zur Praxis – die Hochschule für Musik.

Ein besonderes Desiderat bildet ferner – in Zeiten zunehmender Europäisierung politischen Denkens und Handels gleichsam eine Selbstverständlichkeit – die Weitung der Perspektive über das deutschsprachige Theater hinaus in die anderen, uns umgebenden nationalen Kulturräume. Wie international war / ist der Einsatz von Musik im (Sprech)Theater, inwieweit spielte das Phänomen der Schauspielmusik in anderen Ländern möglicherweise eine Rolle als Teil einer kulturellen Selbstvergewisserung, wie diese etwa im Zusammenhang mit der Herausbildung neuer Nationalstaaten im 19. Jahrhundert für die Musik generell zu konstatieren ist?


Für Juni 2012 ist ein erster Workshop geplant, der alle diejenigen in Mainz versammeln möchte, die in jüngerer Zeit mit kleineren oder größeren Arbeiten zum Thema Schauspielmusik hervorgetreten sind. Es soll darum gehen, den Stand der Forschung im jeweiligen Teilbereich zu umreißen sowie Desiderate aus den individuellen Blickwinkeln zu formulieren. Zentrales Anliegen wird auch die Diskussion von Methodenfragen darstellen.

Der Workshop wird in folgende drei Bereiche gegliedert sein:

Genauere Hinweise werden in Kürze ergänzt.

Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die Leiterin des Schwerpunkts:
Prof. Dr. Ursula Kramer
Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft
Abteilung Musikwissenschaft
Jakob-Welder-Weg 18
55128 Mainz
kramer@uni-mainz.de