Europäische Musiker in Venedig, Rom und Neapel (1650-1750):

Musik, nationale Identitäten und kultureller Austausch

Projektleiterinnen

Dr. Anne-Madeleine Goulet (CNRS, Centre de Musique Baroque de Versailles/ École Françe de Rome)
Juniorprof. Dr. Gesa zur Nieden (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Projektmitarbeiter

Musici

Dr. Florian Bassani (Universität Bern)
Dr. Michaela Berti /Deutsches Historisches Institut Rom)
Dr. Caroline Giron-Panel (École Française de Rome / Bibliothèque Nationale de France)
Dr. Britta Kägler (Deutsches Historisches Institut Rom)
PD Dr. Peter Niedermüller (Deutsches Historisches Institut Rom)
Élodie Oriol (Université de Provence Aix-Marseille I / Università die Roma La Sapienza)
Christoph Plutte (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
Torsten Roeder (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
Dr. Barbara Nestola (Centre de Musique Baroque de Versailles)
Dr. Mélanie Traversier (École Française de Rome / Université de Lille)
Giulia Veneziano (École Française de Rome)

Kontakt

www.musici.eu
Juniorprof. Dr. Gesa zur Nieden
Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft
Abteilung Musikwissenschaft
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Jakob-Welder-Weg 18
55128 Mainz
Tel.: 0049-6131-3920098
Fax (06131) 39-22993

znieden@uni-mainz.de
kaegler@dhi-roma.it
niedermueller@dhi-roma.it

Präsentation

Wie Georg Friedrich Händel, Jacques-Martin Hotteterre, Georg Muffat, Francisco António de Almeida, Jan Dismas Zelenka oder Francisco Javier García Fajer reisten im 17. und 18. Jahrhundert viele europäische Musiker und Komponisten nach Venedig, Rom und Neapel, um den italienischen Stil kennenzulernen, sich ausbilden zu lassen oder sich dort niederzulassen. Die meisten von ihnen waren mit einem Stipendium ihrer heimischen Höfe ausgestattet oder begleiteten adlige sowie diplomatische Persönlichkeiten auf ihrer Italienreise. Nicht selten wurden sie jedoch auch von italienischen Mäzenen gefördert, trafen mit namhaften italienischen Musikern zusammen und erhielten die Möglichkeit, ihre Werke in Opernhäusern, Kirchen oder Privatvillen aufzuführen.

Das Forschungsprojekt untersucht die Motive solcher Reisen, die Eingliederungsmöglichkeiten und das künstlerische Schaffen dieser Musiker in den drei Städten, deren kulturelle Ausstrahlung auf ganz Europa wirkte. Zentral sind hierbei die Gesichtspunkte des kulturellen Austausches und der Herausbildung kultureller Abgrenzungen. Auf dieser Basis sollen musikalische Transferprozesse italienischer Gattungen und Kompositionsstile sowie das Entstehen von sogenannten Nationalstilen im Europa um 1700 einer kulturgeschichtlichen Reflexion unterzogen werden, die die Erfahrungen italienischen Musiker in Europa mit denjenigen der Italienreisenden vervollständigt.

Konkret untersucht das Forschungsteam die Eingliederung europäischer Musiker in das venezianische, römische und neapolitanische Musikleben und ihre dortigen Erfahrungen auf der Basis eines Vergleichs der drei Städte. Wie sah die Aufnahme auswärtiger Musiker in das Musikleben der Republik Venedig, des Kirchenstaates Rom und des Königreichs Neapel jeweils aus, das von einer zunehmenden Professionalisierung der Musiker, einer wachsenden Politisierung der Musik und von einem immer größeren Interesse für auswärtige Musik gekennzeichnet war? Auf welche Mäzene, Institutionen, Wirtschafts- und Soziabilitätsformen trafen sie und wie beeinflussten diese ihr musikalisches Schaffen? Welche Transferprozesse spielten sich zwischen den drei Städten, die um 1700 im Zentrum der Kavaliersreisen und auch des Interesses europäischer Musiker standen? Um diesen Fragen nachzugehen soll in einem ersten Schritt die Öffnung des venezianischen, römischen und neapolitanischen Musiklebens für auswärtige Musiker beschrieben werden, die in der Republik Venedig auf geschlossene ökonomische Strukturen trafen, in Rom als diplomatisches Zentrum vor einem multinationalen Publikum auftreten und in Neapel von den über die Grenzen der italienischen Halbinsel hinaus berühmten Konservatorien profitieren konnten. Hinzu kamen besondere Gattungen und Ensembles wie die Sängerinnen der venezianischen Waisenhäuser oder die Oratorienvereinigungen Roms.

Methodisch stützt sich das Projekt auf die beiden aktuellen Forschungszweige des Kulturtransfers und der histoire croisée aus der Geschichtswissenschaft, die für die Musikgeschichte der Frühen Neuzeit erprobt werden sollen. Das Konzept der histoire croisée greift im Projekt dabei zum einen im makrohistorischen Bereich, indem die Erfahrungen und das Wirken europäischer Musiker auf der italienischen Halbinsel der Verbreitung der italienischen Musik in ganz Europa gegenübergestellt werden sollen. Zum anderen findet es auch auf mikrohistorischer Ebene Anwendung, indem unterschiedliche kulturgeschichtliche Ansätze von der Soziabilität bis zur Neuen Politikgeschichte herangezogen werden. Ziel ist es, wissenschaftliche Präferenzen und Traditionen der französischen und deutschen Forschungskultur einer eingehenden Reflexion zu unterziehen, die sowohl Momente des Austausches als auch der Abgrenzung europäischer Musiker im venezianischen, römischen und neapolitanischen Musikleben betrachtet.

Um den Austausch der jungen Forschergruppe mit weiteren Wissenschaftlern zu fördern, organisierte das Projekt je einen Studientag in Neapel (Mai 2010), Rom (November 2010) und Venedig (Mai 2011) sowie ein regelmäßiges Forschungsseminar. Ein weiterer zentraler Bestandteil ist eine Datenbank, die als Personendatenrepositorium in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entsteht. In ihr werden alle Daten zu europäischen Musikern in Venedig, Rom und Neapel zwischen 1650-1750 zusammengeführt, um sie systematisch untersuchen zu können und sie öffentlich zugänglich zu machen. Nach der für den 19.-21. Januar 2012 geplanten Abschlusstagung wird das Projekt mit einem ausführlichen Sammelband zur Fragestellung abschließen. Das Projekt wird von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat aus deutschen, französischen, italienischen und schweizerischen Musikwissenschaftlern und Historikern begleitet.

Finanzierung und Projektdauer

Das deutsch-französische Projekt wird von der Agence Nationale de la Recherche und der Deutschen Forschungsgemeinschaft für eine Dauer von drei Jahren (Januar 2010- Dezember 2012) finanziert.