Ein Bildrecherche- und Informationssystem für Moderne Kunst oder Die Vermeidung des "Lost-in-Cyberspace"- Syndroms

S. Dupont-Christ, H. Göttler, R. Heyen, U. Kuballa, F. Wankmüller


Zusammenfassung

Auf der CeBIT'95 wurde das Informationssystem PARES als Werkzeug für die Organisation von Archiven für Bilder, Musik und Sprache vorgestellt. Das Ziel des Exponats der CeBIT'97 und PARES-Folgeprojekts PRISMA (Picture Retrieval and Information System for Modern Arts) ist es, auf verschiedenen Rechnern verteilte Informationssysteme vom Typ PARES mit ihren komplex strukturierten Multimediadaten und Metainformationen unter einer einheitlichen, anwenderfreundlichen Benutzungsoberfläche zu verwalten.

Zur Realisierung dieses Konzeptes bedient man sich der Internet-Technologie, insbesondere des Dienstes WWW (World Wide Web). Selbst mit einem handelsüblichen Computer (PC) ist es damit möglich, von jedem Punkt der Welt, der einen Internetzugang hat, auf die Daten des Informationssystems zuzugreifen.

Der Datenaustausch, also die "Unterhaltung", zwischen Rechnern mit ihren verschiedenen Betriebssystemen, Programmiersprachen und Datenbankanwendungen ist nicht einfach zu realisieren. Hierzu wurden im Rahmen von PRISMA eigens Schnittstellenprotokolle entwickelt.

Wegen seiner hohen Integration ins Internet, seinen entwickelten Werkzeugen und seiner einfachen Erweiterbarkeit bietet PRISMA über herkömmliche Datenbankdienste wie Recherche und Ablage hinaus vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, so im Bereich der Autorenarbeitsplätze für Multimedia-Lernsysteme oder Telekooperation. Gerade letzteres trägt zur Vermeidung von Kosten beim Versand von Dokumenten bei und erhöht gleichzeitig die Geschwindigkeit und Sicherheit des Austauschs.

Das Internet und seine Probleme

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge". Diese Heraklit zugeschriebene Aussage ist zumindest im Fall des Internet richtig. Der Vorgänger dieser Datenautobahn entstand vor mehr als einem Vierteljahrhundert im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Ziel der damaligen Forschungen war es, ein Kommunikationssystem unter Computern zu erstellen, das trotz partiellen Ausfalls durch Feindeinwirkung seine Funktionalität behalten sollte. Alle angeschlossenen Computer wurden dezentral so miteinander verbunden, daß sie sowohl als Sender als auch Empfänger miteinander kommunizieren konnten und bei Ausfall einer Station "Umleitungen" möglich waren.

In der Folge wurden immer mehr Rechner, insbesondere der amerikanischen Universitäten, an dieses Netzwerk angeschlossen, um die Möglichkeiten der angebotenen Dienste zu eruieren. Davon machten die Teilnehmer so intensiven Gebrauch, daß das amerikanische Verteidigungsministerium, dem diese Aktivitäten schon bald nicht mehr geheuer waren, das Netz den Forschungseinrichtungen als "Spielwiese" überließ.

Trotz so nützlicher Dienste wie E-Mail (elektronische Post) und FTP (File Transfer Protocol, das den vorher üblichen physischen Transport der Dateien auf Bändern oder Disketten überflüssig macht) hat erst das WWW das Internet über Forschungseinrichtungen hinaus populär gemacht. Es erlaubt neben der einfachen Textform - wie bei E-Mail - auch eine ansprechende graphische und akustische Darstellung der übertragenen Daten auf dem Bildschirm, indem Bilder und Töne direkt in Dokumente eingebunden werden können. Selbst bewegte Bilder lassen sich auf diese Weise übertragen.

Bis vor wenigen Jahren war der Zugang zum Internet nur großen und teuren Maschinen vorbehalten. Heute ist bereits ein Computer, wie er in vielen Privathaushalten vorhanden ist, durch Nutzung solcher Dienste als Multimediamaschine einsetzbar.

Der einfache Einstieg in das Internet hat nicht nur die Zahl der Informationssuchenden, sondern auch die der Informationsanbieter stark anwachsen lassen. (Man spricht von derzeit 50 Mio. Nutzern.) Durch den explosionsartig gestiegenen Kommunikationsbedarf wurde die Übertragungskapazität zu einer knappen Ressource. Die zur Verfügung stehenden Übertragungswege sind überlastet, die gezielte Suche nach bestimmten Informationen wird wegen einer fehlenden Strukturierung der Daten in dem Maße schwieriger wie das Datenangebot auf dem Netz zunimmt. Ein schnelles Auffinden von Informationen wird zum einen durch die momentan auftretenden Probleme in der Datenübertragung und den damit verbundenen langen Wartezeiten verzögert. Zum anderen wird eine solche Recherche wegen des Transports großer Mengen an "Datenmüll" und durch wenig mächtige Suchwerkzeuge, die eine detaillierte Suche nicht erlauben, nahezu verhindert.

Das Zeitgeistphänomen des Surfens im Internet, des Reitens auf einer Datenwelle dieses "Informationsozeans" ist nur zum Teil bewußtes freies Bewegen auf dem Gesamtdatenbestand des Netzwerks. Es zeigt gleichzeitig die Achillesferse des Systems auf, nämlich die fehlenden Instrumente zur Strukturierung und Katalogisierung dieses riesigen, sich ständig ändernden und erweiternden Datenmolochs. Es fehlt an Inseln als Orientierungspunkte für solche Surfer, die sich schnell und zielgerichtet im Meer der Daten fortbewegen wollen. Vernetzte Informationssysteme wie PRISMA können solche Inseln sein, indem sie die herkömmlichen Möglichkeiten des WWW mit der Funktionalität von Datenbanken verknüpfen und so z.B. effizienten Zugriff zumindest auf den im Informationssystem integrierten Bestand erlauben. Auf diese Weise kann man dem "Lost-in-Cyberspace"-Syndrom entgegenwirken.

Die Ziele von PRISMA

PRISMA will auf verschiedenen Rechnern verteilte, komplex strukturierte Multimediadaten (Texte, Bilder, Audio- und Videodaten) unter einer einheitlichen, anwenderfreundlichen Benutzungsoberfläche verwalten. Dabei sind Plattformunabhängigkeit, also die Verfügbarkeit für verschiedene Rechnerarchitekturen, sowie Daten- und Systemsicherheit wesentliche Designkriterien.

Kern des PRISMA-Systems ist die verteilte objektorientierte Datenbank (OODB) Versant. Anders als herkömmliche Datenbanken, die bei heterogenen Multimediadaten schnell an ihre Grenzen stoßen, verwendet PRISMA diesen neuen Datenbanktyp, weil er eine "natürlichere" Modellierung solcher Informationsstrukturen erlaubt.

PRISMA stellt mit Versant eine verbindende Organisationsebene zwischen seinen Benutzern und Datenquellen, z.B. Datenbanken und Daten aus dem chaotischen WWW, dar, siehe Fig. 1. Es dient gewissermaßen als erweitertes, komfortables "Inhaltsverzeichnis". PRISMA ist als offenes und modulares System konzipiert. Durch die im Rahmen des Projekts entwickelten Schnittstellen bzw. durch dieVerwendung von Standards ist es auf einfache Weise möglich, weitere Datenbanken an dieses System anzuschließen und so den "externen Datenraum" zu erweitern. Damit steht PRISMA im Zusammenhang mit den weltweiten, aktuellen Forschungsaktivitäten, Datenbanken an das WWW anzubinden.

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Figur 1: PRISMA fungiert als Zwischenschicht zwischen dem Benutzer und einem externen Datenraum unter Verwendung von WWW-Browsern. Dies sind Programme, die die Struktur von HTML-Dokumenten interpretieren und zu einer graphischen Anzeige umrechnen. Der externe Datenraum ist heterogen. Er besteht aus objektorientierten und herkömmlichen Datenbanken sowie letztlich aus dem gesamten WWW.

Struktur und Funktionalität von PRISMA

Bei der praxisorientierten Entwicklung eines High-Tech-Produktes läuft der Fachwissenschaftler leicht Gefahr, an den Bedürfnissen der Anwender vorbeizuforschen. Davor kann eine interdisziplinäre Zusammenarbeit schützen, da sie den Synergieeffekt zwischen Theorie und Anwendungsgebiet mitfördert. Zur Entwicklung und Evaluierung der Tauglichkeit des PRISMA-Konzepts wurde deshalb ein Team aus Informatikern und Künstlern gebildet, weil als prototypisches Anwendungsgebiet die Einrichtung eines Informationssystems für Moderne Kunst diente, spezialisiert auf die Kunstrichtung des Kubismus. Die Ansprüche an ein Informationssystem in diesem Bereich gehen weit über konventionelle Anwendungen, wie z.B. der kommerziellen Datenverarbeitung, hinaus.

Die von PRISMA verwalteten Informationen umfassen sowohl solche, die im Rahmen des Projekts erstellt wurden, als auch jene, die aus externen Datenbeständen stammen. Letztere lassen sich grundsätzlich in zwei Kategorien unterteilen:

Zum einen lassen sich "beständige" Daten finden, die von Datenbanken verwaltet werden. Dies müssen keine vom objektorientierten Typ sein. Eine gemeinsame Verwaltung solcher heterogener Daten, die föderative Datenbankorganisation, ist eines der Hauptprobleme, die im Zuge des Projekts angegangen werden.

Zum anderen findet man gerade im WWW "flüchtige" Daten, die sich als ein Gebilde aus HTML-Dokumenten präsentieren. Diese Daten sind nach einer Aktualisierung ihres Inhalts oder insbesondere nach einem Namenswechsel des Dokuments oft nicht mehr auf dieselbe Weise wie vorher aufzufinden, bzw. gänzlich verschwunden. Bemerkbar macht sich das Verschwinden von Dokumenten durch den berühmt-berüchtigten "ERROR 404 - URL not found".

PRISMA soll solche Fehler verhindern und die unterschiedlichen Informationsquellen integrieren. Der Benutzer bekommt so einen gesicherten und einheitlichen Zugriff auf den Gesamtdatenbestand des Informationssystems. Durch die Realisierung der Benutzungsoberfläche unter Verwendung von HTML2 genügt ein Internetzugang und ein grafikfähiger WWW-Browser, um komfortabel mit dem Informationssystem arbeiten zu können.

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Figur 2: Ein Bild mit zugehörigen Bilddaten, hier ein Gemälde des Künstlers Cézanne

Anfragen an das Informationssystem werden über Formulare durchgeführt. Ein Beispiel für solche Formulare zeigt Figur 4. Sie sind ebenso wie gewöhnliche Informationsdokumente in HTML spezifiziert. Der Inhalt eines Anfrageformulars, das ein Computer von einer beliebigen Stelle des Internet an PRISMA schickt, wird ausgepackt, interpretiert und als Suchanfrage an das Datenbanksystem formuliert. PRISMA sucht in seinem eigenen Datenbestand oder selbständig im externen Datenraum. Die Rechercheergebnisse werden schließlich in dynamisch erzeugte HTML-Dokumente verpackt und an den Fragesteller zurückgeschickt. Sowohl zum Formulieren der Anfrage als auch zum Lesen der Antwort verwenden Benutzer vertraute Programme, die bereits erwähnten, mittlerweile auf allen gängigen Plattformen verfügbaren WWW-Browser. Der Umgang mit diesem System ist auch Ungeübten schnell möglich, weil Funktion und Bedienung, das Look and Feel, von WWW-Browsern weitgehend vereinheitlicht sind. Das Beispiel einer von PRISMA zusammengesetzten Seite zeigt Fig. 2.

Natürlich kann PRISMA nur in den Bereichen helfen, für die es Metainformationen, also Informationen über Informationen hält. Die Erstellung solcher Metainformation erlaubt prinzipiell eine Vorstrukturierung aller Daten des externen Datenraumes bezüglich eines gewünschten Anwendungsgebiets. Ein so vorstrukturierter Datenbestand erlaubt dem Gastnutzer eine "geführte" Exploration.

PRISMA bietet die üblichen Möglichkeiten einer Datenbankadministration von der Einschränkung der Datenbankaktionen bis hin zu einem Abrechnungsverfahren für themenbezogene Recherchen. Selbstlaufende Präsentationen sind z.B. ebenfalls vorgesehen.

Aufgrund seiner Komplexität erfordert ein Informationssystem dieser Art eine Arbeitsteilung in der Datenbankverwaltung. Hier arbeiten zwei Datenbankadministratoren zusammen. Für die inhaltlichen Aufgaben ist der künstlerische Datenbankadministrator (KDBA) verantwortlich, für die informatischen ein informatischer Datenbankadministrator (IDBA).

Der KDBA des Informationssystems hat weitreichende Möglichkeiten der Datenmanipulation. Er ist der, der über ein in PRISMA integriertes Werkzeug die o.g. Metainformationen erstellen und Datenobjekte neu verknüpfen kann. So kann er z.B. im Rahmen einer kunstwissenschaftlichen Anwendung eine Führung durch ein virtuelles Museum komponieren.

Der Gesamtaufbau des Informationssystems ist der Arbeitsbereich des IDBA. Er ist z. B. für das Anbinden neuer Informationsquellen zuständig. Das Strukturierungskonzept für das Informationssystem stimmt der IDBA mit dem KDBA ab. Ersterer organisiert die syntaktische Konzeption (das Design) der Datenbank; letzterer ist für die sinnfällige, also die semantische Strukturierung der abgelegten und weiter eingehenden Daten des Informationssystems zuständig. Anlegen und Änderungen des Datenbankschemas erfolgen nach Absprache der beiden Administratoren durch den IDBA.

Wie bereits erwähnt, erlaubt PRISMA den Zugriff auf WWW-Dokumente, die auf durchaus chaotische und undurchsichtige Art miteinander verwoben sein können. Zu deren automatischer Erschließung wurde Web-Mole entwickelt, ein Werkzeug, das sich wie ein dressierter Maulwurf entlang der Hyperlinks durch die HTML-Dokumente gräbt. Nach der Analyse wird die Zusammenhangsstruktur der Dokumente für den KDBA des Informationssystems übersichtlich graphisch dargestellt, wenn nötig auch dreidimensional. Bei Bedarf kann er dann ganze Dokumente, Teile daraus oder lediglich Verweise extrahieren.

Ein weiterer, in Arbeit befindlicher Modul ist der User Dependent Image Designer (UDID). Es ist ein graphenbasiertes Werkzeug zur Modellierung von individuellen Benutzerzugängen und soll eine graphische Oberfläche bieten, mit deren Hilfe Objekte aus dem PRISMA-Datenbestand ausgewählt und zu neuen Strukturen zusammengefaßt werden können. Es ist das zentrale Werkzeug für den KDBA und kann nach seinen Wünschen gestaltet werden.

Das PRISMA-System im Einsatz

Um einen Eindruck zu gewinnen, wie KDBA und IDBA mit Hilfe von PRISMA Daten ändern und neu gruppieren können, betrachte man Fig. 3.

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Figur 3: Ein Eindruck für die aktuellen Möglichkeiten der (noch verbesserungsfähigen) Oberfläche für die Administratoren.

Der Bildschirmschnappschuß zeigt ein in drei Fenster aufgeteiltes Dokument. Der Teil in der linken oberen Ecke dient zur Auswahl der gewünschten Aktion. Durch Anklicken z.B. von "Objekte nach Klassen" im Bereich "Bearbeiten" füllt sich das linke untere Fenster. Hier wählt der Administrator das Objekt und die Operation, wodurch im rechten Fenster das Editierformular zum Ausfüllen erscheint. Es wird dynamisch aus dem Typ des Objekts und seinem aktuellen Zustand generiert.

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Figur 4: Die Benutzersicht

Die Fig. 4 enthält die Oberfläche für das Ergebnis bei einer Datenbankrecherche. Das Bild zeigt im rechten Fenster ein Datenbankobjekt, wie es in Figur 3 dem Datenbankadministrator zur Bearbeitung vorlag. Die Fig. 5 zeigt eine zusammenfassende Darstellung der Datenbankfunktionen von Prisma.

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Figur 5: Schematische Darstellung der Datenein- und Ausgabe in PRISMA.

Durch die zusätzliche Verwendung der neuentwickelten Internet-Programmiersprache Java lassen sich - im Vergleich zu reinem HTML - Benutzungsoberfächen sehr flexibel gestalten. Die Erfahrung zeigte allerdings, daß sich schon mit Hilfe von HTML-Formularen brauchbare Werkzeuge zur Manipulation des PRISMA-Datenbestandes realisieren lassen. Durch die Verwendung von HTML und Java können die in PRISMA zu entwickelnden Bedienoberflächen entsprechend den Bedürfnissen der Anwender individuell gestaltet werden.

Ausblick: Einsatzgebiete und mögliche weitere Anwendungen

Bei der Konzeption von PRISMA waren wesentliche Entwurfskriterien die Plattformunabhängigkeit und die Programmiersprachenunabhängigkeit. Daneben stand aber auch die Unabhängigkeit von einer speziellen Anwendung im Vordergrund. Untersuchungen in einer Reihe von Problemfeldern haben gezeigt, daß die PRISMA-Konzepte auch auf andere Anwendungen als die kunstwissenschaftliche übertragen werden können.

Eine erste erfolgreiche Evaluation der prototypischen Systeminstallation an einem neuen Anwendungsgebiet erfolgte durch das probeweise Einlesen und Verarbeiten eines großen medizinischen Datensatzes. Hierbei konnten ohne aufwendige Anpassungsarbeiten mit Hilfe der PRISMA-Werkzeuge Probedatensätze der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI) über Internet in die Datenbank aufgenommen werden. Anschließende Auswertungen zeigten, daß die verwendete objektorientierte Datenbank (Versant) auch bei der Verarbeitung von großen Datenmengen ein schnelles und zuverlässiges System darstellt.

Die Universitätsbibliothek Mainz plant den Einstieg in die umfassende elektronische Aufbereitung der Bestände ihrer Vorgängereinrichtung, der ehemaligen Alten Universitätsbibliothek, die im Jahr 1803 - nach Aufhebung der Universität Mainz durch die Franzosen - in den öffentlichen Besitz der Stadt Mainz überführt wurden und seither in der Stadtbibliothek aufbewahrt wurden. Zunächst ist an die Digitalisierung ausgewählter Bestände sowie deren überregionale Bereitstellung und Nutzung in einer virtuellen "Verteilten Digitalen Forschungsbibliothek" gedacht. Die bisherigen Gespräch zeigen, daß PRISMA einen großen Teil der Funktionalität besitzt, die für eine Realisierung dieses Projekts erforderlich sind.

Eine kurzfristige Entlastung der Datenautobahn könnte durch Optimierung des Datentransportes erreicht werden. Dazu gehört das Vernetzen verschiedener Datenträger über Recherchesysteme innerhalb von Informationssystemen. Mehrfache Datenhaltung, und so auch mehrfacher Transfer identischer und damit redundanter Daten an einen Datensuchenden, wird durch solche Informationssysteme verhindert. Über deren Benutzerschnittstellen werden unterschiedlichste Datenformate plattformübergreifend und weltweit zugänglich. Informationssysteme in der Art von PRISMA sind Werkzeuge zur Optimierung der Datensuche im Internet - komfortable, permanent aktualisierte "multimediale Karteikästen".

Besonders geeignet scheint PRISMA als Informationssystem für die Verwaltung von Museums- bzw. Bibliotheksdatenbanken zu sein. Auch in bisher wenig vom Computer erreichten Gebieten kann die Möglichkeit des Internet-Zugangs zu Multimediadaten zusätzlich neue Anwendungsfelder eröffnen, wie z.B. der in Museumspädagogik. Im Bereich von Bibliographien kann über ein Informationssystem zielgerichteter gearbeitet werden als über eine konventionelle Recherche in Bibliothekskatalogen. In Verbindung mit einem solchen System können Bibliographien, Biographien, Daten, Bilder usw. thematisch aufbereitet werden und sind schnell verfügbar.

Die in PRISMA entwickelten Methoden und Anwendungen können in Bereichen wie CAD (Computer Aided Design), Produktbetreuung, Online-Kundendiensten sowie in Forschung und Lehre eingesetzt werden. Auch private Anwender können die volle Funktionalität des Systems nutzen. Durch eine Kooperation von Medienanbietern, Softwarehäusern, Universitäten und Fachhochschulen kann ein über WWW erreichbares und erweiterbares Informationssystem eine Plattform zum wissenschaftlichen Austausch und zur Projektkoordination werden. Die Vision des freien "Austauschs von Wissen ohne Grenzen" wird durch die weltweite Verfügbarkeit eines solchen Systems greifbar.

In Schulen wird seit Jahren der Computereinsatz im Unterricht erprobt. In einigen Fächern erwies sich das Hilfsmittel Computer bisher als wenig brauchbar. Für einen Unterrichtseinsatz könnte ein über WWW leicht erreichbares und erweiterbares Informationssystem eine hilfreiche Ergänzung des Medienangebots darstellen. Unterrichtseinheiten für die universitäre oder schulische Lehre können gezielt zusammengestellt werden.

Eine grafische Oberfläche bietet im Bereich der Bild- und Tonwiedergabe erweiterte Darstellungsmöglichkeiten. Die Option zu Datenbankabfragen oder eine reine Präsentation der Forschungsergebnisse mittels WWW-Standards bieten Möglichkeiten, die von herkömmlichen Druckmedien nicht erreicht werden. Dies läßt eine Verwendung als Verwaltungssystem für den Austausch gemeinsam genutzter Daten z.B. zwischen Verlagen zu. Neue Wege der wissenschaftlichen Publikation lassen sich hier ebenfalls erahnen.

Ein weiteres denkbares Einsatzgebiet für ein solches System ist die Adaption auf einem Multimedia-Arbeitsplatz z.B. bei einer Rundfunkanstalt. Hier erhält ein Redakteur die Möglichkeit, zum einen Recherchen auf dem Gesamtdatenbestand der angeschlossenen Archivdatenbanken durchzuführen, zum anderen aus den gefundenen Daten direkt einen Beitrag zu konzipieren und zusammenzustellen. Dieser Beitrag läßt sich rundfunkgerecht bearbeiten, kann aber auch über WWW ausgegeben oder über CD-ROM vertrieben werden.

Wie aus den vorangegangenen Ausführungen entnommen werden kann, ist PRISMA ein technischer Beitrag, die gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen unserer "Informationsgesellschaft" anzugehen. Die Autoren dieses Beitrags sind der Meinung, daß wir erst in einer Vorstufe leben, in einer "Datengesellschaft". Erst wenn Daten qualitätsgesichert und sinnvoll verknüpft sind, metamorphosieren sie zu Informationen. Die müssen dann chancengerecht der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Es muß vermieden werden (auch Bundesforschungsminister Rüttgers wies anläßlich seiner Rede zur CeBIT HOME 96 auf die Gefahr hin), daß "die Informationsgesellschaft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wird, mit einer Oberklasse von Netzwerkbeherrschern und einer Unterklasse von Computer-Analphabeten".

Die Autoren

Dipl.-Math. Stefan Dupont-Christ, geboren 1964 in Seesbach, studierte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und diplomierte dort1995 mit einer Arbeit über "Entwurf und Implementierung einer graphischen Sprache für objektorientierte Datenbanken" am Fachbereich Mathematik. Seit 1996 ist er am Musikwissenschaftlichen Institut, Abteilung Musikinformatik, der Universität Mainz als wissenschaftlicher Angestellter beschäftigt. Er arbeitet im PRISMA-Projekt im Bereich "Informationssysteme auf der Basis verteilter objektorientierter Datenbanken".

Prof. Dr.-Ing. habil. Herbert Göttler, Jahrgang 1946, studierte Mathematik und Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und absolvierte 1972 das 1. Staatsexamen. Nach der Promotion zum Dr.-Ing. im Jahre 1977 gewann er Praxiserfahrung bei der Firma Kraftwerk Union/Siemens in Erlangen als Leiter der Hauptgruppe "Mathematische Methoden/EDV-Software" in der Abteilung Sicherheitsanalyse/Nukleares Dampferzeugungssystem" des Hauptbereichs "Reaktortechnik". Ab Wintersemester 1980 bis Sommersemester 1989 war er Akademischer Rat/Oberrat am Lehrstuhl für Programmiersprachen der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen, wo er sich 1987 mit dem Thema "Graphgrammatiken in der Softwaretechnik" habilitierte. Vor seinem Ruf an die Universität Mainz im Jahr 1990, wo er das Fach "Praktische Informatik" vertritt, hatte er eine zweisemestrige Lehrstuhlvertretung an der Universität Stuttgart inne. Seit 1993 ist er Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

Dipl.-Inf. Rudolf Heyen, geboren 1963 in Bitburg, studierte an der Universität Koblenz-Landau, Abteilung Koblenz, und diplomierte 1993 mit einer Arbeit über die "Reorganisation der Datenhaltung am Deutschen Kinderkrebsregister" am Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation des Mainzer Universitätsklinikums. Seit 1994 ist er am Institut für Informatik der Universität Mainz als wissenschaftlicher Angestellter beschäftigt. Er arbeitet im PRISMA-Projekt im Bereich "Modellierung Objektorientierter Datenbanken und visuelles Datenbankmanagement"; dieses Thema ist auch Inhalt seiner Dissertation.

Ulrich Kuballa, geboren 1962 in Marburg, studierte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und absolvierte dort 1995 das erste Staatsexamen in den Fächern Bildende Kunst und Geschichtswissenschaften. Seit 1995 ist er am Musikwissenschaftlichen Institut, Abteilung Musikinformatik, der Universität Mainz als wissenschaftlicher Angestellter beschäftigt. Er arbeitet im PRISMA-Projekt im Bereich der Gestaltung von kunstwissenschaftlichen Arbeitsplattformen für das Informationssystem. Dieses Thema ist auch Inhalt seiner Dissertation.

Dr. Frank Wankmüller studierte Informatik an der Universität Dortmund, wo er 1982 promovierte. Dort war er bis 1983 wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nach kurzer Zeit als Hochschulassistent an der Universität Osnabrück und nach Vertretung einer Professur an der Universität Dortmund wechselte er zum Wintersemester 1984/85 an die Johannes Gutenberg-Universität, wo er seit 1991 den neu eingerichteten Bereich "Musikinformatik" am Musikwissenschaftlichen Institut leitet. Bereits 1981 begannen die Arbeiten an dem Projekt "Rechnergestützter Arbeitsplatz für Musiker (COMES)". Dieses Vorhaben wurde von 1989 bis 1992 im Rahmen des Programms "Wirtschaftsnahe Forschung" vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau gefördert. Dieses Projekt war der Ausgangspunkt für die Arbeiten der Mainzer Universität im Forschungsverbund Medientechnik Südwest. Zur Zeit ist Dr. Wankmüller stellvertretender Vorsitzender des Interdisziplinären Arbeitskreises "Musik- und Kunstinformatik" an der Johannes Gutenberg-Universität, Mitglied in der Projektgruppe 14 "Informatik im nichttechnischen Bereich" des Technologiebeirates des Landes Rheinland-Pfalz und Mitglied im Arbeitskreis III "Mehrwertedienste" des DAB-Pilotversuches Baden-Württemberg.

Das Projekt-Team

Das von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Innovation geförderte Projekt PRISMA wird von Prof. Dr. Herbert Göttler (Institut für Informatik), Prof. em. Hans Günter König (Fachbereich Bildende Kunst) und Dr. Frank Wankmüller (Musikwissenschaftliches Institut, Abteilung Musikinformatik) geleitet. Prof. König ist für künstlerische Inhalte des Projekts zuständig. Dipl.-Inf. Rudolf Heyen, Dipl.-Math. Stefan Dupont-Christ und Ulrich Kuballa sind in der Konzipierung und Realisierung des Informationssystems tätig. Johannes Krimm und Markus Schönhaber, beide am Fachbereich Mathematik der Universität Mainz, erstellen ihre Diplomarbeiten im Rahmen des Projekts.