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König

Untersuchungen zur Logik des künstlerischen Handelns bei Pablo Picasso

Prof. König, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

Die Kunstwerke Picassos werden gemeinhin als kreative Setzungen verstanden, die dem unerklärlichen Geheimnis künstlerischer Innovationen zu danken sind, unzugänglich jedem Versuch einer rationalen Entschlüsselung.

Zwar läßt sich das Gesamtwerk vordergründig in Perioden gliedern, die stilistischen Kehrtwendungen und die irritierende und scheinbar widersprüchliche Gleichzeitigkeit verschiedenster sogar gegensätzlicher Verhaltensweisen des Künstlers bestätigen aber die allgemeine These, daß eine formale Sprache Picassos nicht existiert, daß alle Ansätze zu einer differenzierten Strukturierung seines künstlerischen Werkes zum Scheitern verurteilt sind.

Wenn aber Picasso erklärt: ,,Man muß verstehen lernen. Ich verstehe kein Latein und behaupte deshalb nicht, daß es kein Latein gibt, so verweist er auf die Existenz seiner eigenen Bildsprache und damit auf die grundsätzliche Möglichkeit ihrer Analyse.

Meiner morphogenetischen Untersuchung bereiteten die Materialbeschaffung und -sortierung größte Schwierigkeiten. Das fast unübersehbare Gesamtwerk Picassos ist noch nicht vollständig veröffentlicht; es liegen 34 Bände des Gesamtkatalogs und Publikationen der Plastiken, Grafiken und Keramiken vor. Auseinandersetzungen mit den Veröffentlichungen zeigen, daß auf die chronologische Reihenfolge der Bilder kein Verlaß ist. Die Werke sind oft falsch datiert, mit falschen Titeln versehen und zuweilen Irrtümlich auf dem Kopf oder auf der Seite stehend abgebildet, was im Verbund mit den Analysen und Rekonstruktionen zeitraubende Recherchen und Korrekturen bedingte.

Als Ergebnis der Untersuchungen kann die Existenz einer formalen Sprache bei Picasso nachgewiesen werden.

Der Vortragende wird die verborgenen typisierten Grundstrukturen und den Prozeß der Zeichen-bildung und Zeichenwandlung bis ins Spätwerk des Künstlers darstellen und in DIA-Reihen visualisieren. Er wird abschließend in Weiterentwicklung der Analysen die eigentliche Durchsetzung der formalen Sprache der Kubisten in unserer Gegenwart veranschaulichen.


Zur Kunstinformatik:

Mit Wissenschaftlern der Informatik ist ein interdisziplinäres Projekt angesetzt. Es ist ,,eine formale graphische Sprache theoretisch zu konzipieren und für den praktischen Einsatz handhabbar zu gestalten.“ (Prof. Dr. J. Perl, Institut für Informatik am Fachbereich Mathematik der Johannes Gutenberg-Universität)

Die gefundenen Regeln erlauben es, neben den Realisaten des Malers mittels computerunterstützter Bildsynthesen Varianten zu generieren. Vergleichende Untersuchungen zwischen den Realisaten und den Generierungen sollen zur Bildung von Kriterien für die im Bewußten/Unbewußten des Künstlers sich vollziehenden Wahlakte führen, die Nichtrealisation der Generierungen begründen und eine Thesenbildung über die Struktur des ästhetischen Urteils im Werke Picassos ermöglichen.