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Fricke

Rhythmische Konstanz und Variabilität in der Interpretation.

Vortrag von Prof. Dr. Jobst P. Fricke
(Musikwissenschaftliches Institut der Universität Köln)

 

Notenrollen für selbstspielende Klaviere sind für uns heute die frühesten, fast 100 Jahre alten Dokumente für Klavierinterpretationen. Erst später erreichten andere Speichermedien eine Qualität, die die Analyse der Spielweise gestattet. So haben wir Einspielungen auf Tonrollen von damals berühmten Pianisten wie Scharwenka, Busoni, Eugen d'Albert, Gieseking und Horowitz und heute noch berühmten Komponisten wie Saint-Saens, Debussy, Richard Strauß und Reger, die sich damals pianistisch betätigt haben - meist mit eigenen Werken.

An „Makroanalysen“, die die Tempoplanung über ein ganzes Stück hinweg und damit auch seinen formalen Aufbau besonders deutlich erkennen lassen, und an „Mikroanalysen“, die bis in die Achtelbewegung hinein die rhythmische Gestaltung innerhalb der Takte offenlegt, werden die Spielgewohnheiten und Geschmacksvarianten der damaligen Zeit, die sich von den heutigen doch erheblich unterscheiden, deutlich gemacht.

Eine interpretatorische Zeitgestaltung, die Beschleunigungen und Verzögerungen bis zu einem Verhältnis von 1:3 vorsieht, setzt kognitive Prozesse, die solche agogischen Schwankungen wieder entschlüsseln, nicht nur beim Interpreten, sondern auch beim Hörer voraus, der offenbar in der Lage ist, eine aktuell gehörte Realisation auf eine ihm zur Verfügung stehende Norm zu beziehen. So sind rhythmische Gestaltung, Agogik und Temponahme sowie deren Echtzeitentschlüsselung im Hörvorgang erst vor dem Hintergrund einer internalisierten Norm verständlich. Es ist bemerkenswert, daß eine solche Norm in Form einer erstaunlich genau gehenden „inneren Uhr“ von Neurologen inzwischen nachgewiesen werden konnte.